{"id":395,"date":"2015-09-24T18:09:41","date_gmt":"2015-09-24T16:09:41","guid":{"rendered":"https:\/\/stefanthoeni.ch\/?p=395"},"modified":"2015-09-24T18:09:41","modified_gmt":"2015-09-24T16:09:41","slug":"fragen-die-wir-zur-zuger-sexaffare-noch-stellen-mussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stefanthoeni.ch\/index.php\/2015\/09\/24\/fragen-die-wir-zur-zuger-sexaffare-noch-stellen-mussen\/","title":{"rendered":"Fragen, die wir zur \u201eZuger Sexaff\u00e4re\u201c noch stellen m\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anmerkung von Stefan Th\u00f6ni:<\/strong> Dieser Artikel wurde von Vice geschrieben und initial publiziert. Der wurde danach aufgrund der <a href=\"http:\/\/www.vice.com\/alps\/read\/fragen-die-wir-zur-zuger-sexaffaere-noch-stellen-muessen-offline-666\">Androhung rechtlicher Schritte<\/a> wieder depubliziert. Gegen dieses Art von Zensur setze ich mich mit dieser Republikation zur Wehr. Auch wenn das Verfahren gegen Herrn H\u00fcrlimann imzwischen eingestellt wurde, muss es erlaubt sein, die Rolle der Zuger Justiz kritisch zu beleuchten, schon nur im Interesse zuk\u00fcnftiger Missbrauchsopfer.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Die \u201eZuger Sexaff\u00e4re&#187; nahm im vergangenen Dezember ihren Anfang. Der Gr\u00fcnen-Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin seien an der Landammannfeier K.O.-Tropfen verabreicht worden. Im Krankenhaus wurde Geschlechtsverkehr nachgewiesen. Der Hauptverd\u00e4chtigte ist Markus H\u00fcrlimann, damaliger SVP-Pr\u00e4sident des Kantons Zug. Im Artikel <a href=\"http:\/\/www.vice.com\/alps\/read\/eine-vergewaltigung-ist-eine-vergewaltigung-ist-eine-vergewaltigung-187\" target=\"_blank\">Eine Vergewaltigung ist eine Vergewaltigung ist eine Vergewaltigung<\/a> haben wir den Fall erstmals behandelt. Mittlerweile ist das <a href=\"https:\/\/www.zg.ch\/behoerden\/sicherheitsdirektion\/zuger-polizei\/medienmitteilungen\/132-zug-verfahrensabschluss-im-zuger-k-o-tropfen-fall-angekuendigt\" target=\"_blank\">Verfahren eingestellt<\/a> worden. Wir haben die Gerichts- und Krankenhausakten einer genauen Pr\u00fcfung unterzogen.<\/em><\/p>\n<p>Medial scheint der Fall Spiess-Hegglin bereits totdiskutiert zu sein. Jedes Blatt hat \u00fcber die Landammanfeier geschrieben, an welcher der damalige SVP-Pr\u00e4sident des Kantons Zug der Gr\u00fcnen-Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin K.O.-Tropfen verabreicht und sie anschliessend missbraucht haben soll.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vice-images.vice.com\/images\/content-images\/2015\/09\/21\/fragen-die-wir-zur-zuger-sexaffaere-noch-stellen-muessen-body-image-1442860949.png?resize=*:*&amp;output-quality=\" data-original-width=\"800\" data-original-height=\"366\" data-model-id=\"98907\" data-path=\"images\/content-images\/2015\/09\/21\/\" data-crop-path=\"images\/content-images-crops\/2015\/09\/21\/\" data-image-filename=\"fragen-die-wir-zur-zuger-sexaffaere-noch-stellen-muessen-body-image-1442860949.png\" class=\"vmp-image\" \/><\/p>\n<p>Niemand ausser die beiden Politiker (und vielleicht einem weiteren Mitt\u00e4ter) kann abschliessend wissen, was in jener Nacht geschah. Und trotzdem ziehen scharenweise Social-Media-Fackelz\u00fcge durch die virtuellen Strassen und bezichtigen Jolanda Spiess-Hegglin der L\u00fcge. Mittelalterliche Ph\u00e4nomene werden wiederbelebt: <a href=\"http:\/\/www.vice.com\/alps\/read\/eine-vergewaltigung-ist-eine-vergewaltigung-ist-eine-vergewaltigung-187\" target=\"_blank\">Eine Frau wird an den Pranger gestellt<\/a>, die sagt, dass sie einen \u00dcbergriff erleben musste. Die wenigsten glauben ihr, jeder erlaubt sich aber ein Urteil. Was folgt, ist eine anmassende Vorverurteilung durch die \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Die SVP verpasst der Gr\u00fcnen-Politikerin gar im neuen Video einen Seitenhieb, indem sie irgendeinen Heini Zuger Kirsch trinken und anschliessend benebelt mit dem Kopf neben einem Fl\u00e4schchen mit der Etikette \u201eK.O-Tropfen&#187; aufschlagen l\u00e4sst. Diese h\u00e4mischen Dreistigkeiten brachten mich dazu, die Prozess- und Spitals-Akten des Falles Spiess-Hegglin\/H\u00fcrlimann noch einmal durchzugehen und mich mit dem Fall zu besch\u00e4ftigen. Dabei sind mir einige Ungereimtheiten aufgefallen.<\/p>\n<h2>Der Flashback<\/h2>\n<p><a href=\"http:\/\/www.blick.ch\/news\/schweiz\/zentralschweiz\/die-kuessen-sich-cvp-frau-wollte-spiess-hegglin-stoppen-id3633015.html\" target=\"_blank\">Gegen einen zweiten SVPler lief ein Verfahren<\/a>, nachdem sich Spiess-Hegglin in einem Flashback an dessen Anwesenheit erinnert. Laut Aussageprotokoll wacht Jolanda Spiess-Hegglin am Folgetag der Landammanfeier mit starken Schmerzen im Intimbereich auf. Sie erinnert sich nicht an die vergangene Nacht, weiss aber eindeutig, dass mit ihr etwas nicht stimmt und dass der Badezimmerboden von einem Flecken erbrochenem Randensalat besudelt ist. Sie will klare Gedanken fassen. Deshalb l\u00e4sst sie sich wie jeden Sonntag ein Bad einlaufen. Sie taucht ab, l\u00e4sst ihren Gedanken freien Lauf.<\/p>\n<p>Und dann\u2014ganz pl\u00f6tzlich\u2014hat sie ein Bild im Kopf. Ein Flashback, wie ihre Psychologin ihr sp\u00e4ter erkl\u00e4ren wird: Sie nimmt grelles Licht \u00fcber sich wahr. Dann einen lauten, kurzen Knall. Sie sieht Markus H\u00fcrlimann mit entbl\u00f6sstem Unterk\u00f6rper und erigiertem Penis in eindeutiger Handlung vor sich stehen. Sie dreht ihren Kopf zur Seite und erblickt ein zweites, h\u00e4misch grinsendes Gesicht eines Mannes, der ihr ebenfalls nicht fremd ist (und den Zuger Politkreisen auch nicht).<\/p>\n<h2>Wichtige Tests und eine Speicherkarte gehen vergessen<\/h2>\n<p>Spiess-Hegglin f\u00e4hrt also ins Spital. In der Aufnahme erkl\u00e4rt sie, dass sie vermutlich vergewaltigt worden sei, und dass sie auch K.O.-Tropfen vermutet. Zun\u00e4chst wird Frau Spiess-Hegglin ins Wartezimmer beordert. Dort wird sie nach einer un\u00fcblich langen Weile von einer Praktikantin abgeholt, die Jolanda Spiess-Hegglin nach dem vorgeschriebenen Standard-Vorgehen bei einer Vergewaltigung untersucht.<\/p>\n<p>Dass keine Speicherkarte im Fotoapparat ist, als Blessuren fotografiert werden, f\u00e4llt an dieser Stelle niemandem auf. Viel gravierender ist allerdings der Punkt, dass man Frau Spiess-Hegglin nicht sofort Blut- und Urinproben abnimmt. Auch kein simples \u201eVergessen&#187; funktioniert hier als Ausrede. Bei einem Verdacht auf GHB ist das Krankenhaus verpflichtet, als allererstes die vermuteten Substanzen zu sichern. Aus gutem Grund: GHB ist nur 6 bis 12 Stunden nachweisbar. Blut und Urin wurden der jungen Politikerin allerdings erst nach rund 20 Stunden abgenommen, was ein positives Testergebnis ohnehin verunm\u00f6glicht hat.<\/p>\n<h2>Gutachten basiert auf Falschaussagen<\/h2>\n<p>Da die Tests im Spital kein GHB nachweisen, beschliesst die zust\u00e4ndige Staatsanw\u00e4ltin, einen Haarprobentest durchf\u00fchren zu lassen. GHB ist aber auch im Haar kaum nachweisbar, das negative Ergebnis also schon im Vorhinein voraussehbar.<\/p>\n<p>Trotzdem st\u00fcrzt sich die Presse auf das Ergebnis und sieht damit den Beweis erbracht, dass Jolanda Spiess-Hegglin l\u00fcgt. F\u00fcr die juristischen Untersuchungen l\u00e4sst die Staatsanw\u00e4ltin schliesslich ein neutrales Gutachten erstellen, das einsch\u00e4tzen sollte, ob Jolanda Spiess-Hegglins Zustand w\u00e4hrend der Landammannfeier dem typischen Wirkungsprofil von K.O.-Tropfen entsprach.<\/p>\n<p>Doch wie erstellt man ein neutrales Gutachten \u00fcber jemanden, der sich nicht erinnert und ergo keine Aussagen machen kann? Man befragt Zeugen. Vor allem die Aussagen eines weiteren SVP-Politikers beschrieben Frau Spiess-Hegglins Zustand.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vice-images.vice.com\/images\/content-images\/2015\/09\/21\/fragen-die-wir-zur-zuger-sexaffaere-noch-stellen-muessen-body-image-1442851452.jpg?resize=*:*&amp;output-quality=\" data-original-width=\"960\" data-original-height=\"960\" data-model-id=\"98853\" data-path=\"images\/content-images\/2015\/09\/21\/\" data-crop-path=\"images\/content-images-crops\/2015\/09\/21\/\" data-image-filename=\"fragen-die-wir-zur-zuger-sexaffaere-noch-stellen-muessen-body-image-1442851452.jpg\" class=\"vmp-image\" \/><\/p>\n<p>Beim Studieren der Akten erwiesen sich einige Aussagen des Mannes aber als Falschaussagen. Im Einvernahmeprotokoll dieses Mannes lese ich beispielsweise, dass er Frau Spiess-Hegglin zusammen mit Herrn H\u00fcrlimann schon vor der Feier beim gemeinsamen Gl\u00fchweintrinken gesehen haben will.<\/p>\n<p>Diese und weitere Aussagen des SVPlers wurden gem\u00e4ss Gerichtsakten mittlerweile widerlegt. Dass sich das Gutachten trotzdem auf Aussagen eines offensichtlich nicht glaubw\u00fcrdigen Zeugen st\u00fctzt, scheint niemand zu hinterfragen. Spiess-Hegglins Anwalt reichte deshalb am 20. August neue Beweisantr\u00e4ge bei der Staatsanwaltschaft ein: Er will ein neues Gutachten, das sich nicht auf dieses unglaubw\u00fcrdige Aussageprotokoll st\u00fctzt. Der Antrag wird von der Staatsanwaltschaft abgelehnt.<\/p>\n<h2>GHB kann nicht nachgewiesen werden, DNA aber schon.<\/h2>\n<p>Am 26. Februar \u00fcbergibt das Institut f\u00fcr Rechtsmedizin der Staatsanwaltschaft die Ergebnisse der DNA-Untersuchungen: Man findet in der Vagina von Jolanda Spiess-Hegglin DNA-Spuren, die von Markus H\u00fcrlimann stammen. Auf ihrem Slip findet man Sperma-Spuren. Aber auch unter dem Fingernagel von Jolanda Spiess-Hegglin sind m\u00e4nnliche DNA-Spuren nachweisbar. Zu wem diese geh\u00f6ren, weiss man allerdings nicht. Das Institut f\u00fcr Rechtsmedizin schreibt in seinem Bericht: \u201eH\u00fcrlimann ist somit als Spurengeber bez\u00fcglich der in beiden Fingerschmutzresservaten nachgewiesenen DNA-R\u00fcckst\u00e4nde einer m\u00e4nnlichen Person ausgeschlossen.&#187;<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde nun nahe liegen, dass eine Probe bei dem Mann aus Spiess-Hegglins Flashback entnommen werden m\u00fcsste. Bevor diese Spuren aber gesichert werden, sagt eine Zeugin aus, sie habe jenen Abend zusammen mit diesem Mann verbracht und laut Aussageprotokoll \u201enicht gesehen, dass er weggegangen w\u00e4re&#187;. Diese Zeugenaussage stellt seine Mitt\u00e4terschaft in Frage. Doch wieso macht man keinen DNA-Test, um ihn als Mitt\u00e4ter auszuschliessen?<\/p>\n<p>Marcel Schlatter, Sprecher der Zuger Staatsanwaltschaft, schreibt mir auf meine Nachfrage: \u201eDas DNA-Mischprofil, das man an Frau Spiess&#8216; Finger gefunden hat, ist nicht auswertbar.&#187; Bei meinen Recherchen finde ich heraus, dass auch am rechten B\u00e4ndel des String-Tangas DNA-Spuren gefunden wurden. Es handelt sich hier um ein DNA-Mischprofil, das von Markus H\u00fcrlimann stammt, aber auch von einer unbekannten, weiteren Person. Im Bericht vom Institut f\u00fcr Rechtsmedizin steht: \u201eDie unbekannte, m\u00e4nnliche Person, deren Y-DNA-Profil in den Fingernagelschmutzresservaten nachgewiesen wurde, kann ebenfalls als anteiliger Spurengeber nicht ausgeschlossen werden.&#187;<\/p>\n<p>So frage ich erneut bei Marcel Schlatter nach, ob denn auch die DNA-Spuren auf dem B\u00e4ndel des String-Tangas nicht auswertbar gewesen seien. Ich will wissen, ob man keinen DNA-Abgleich mit der Person aus Spiess-Hegglins Flashback gemacht habe, weil die Zeugin im Sinne dieser Person ausgesagt hatte. Ich erhalte die kurze Antwort: \u201eNur jene unter dem Fingernagel. Die Gebr\u00fcder H\u00e4tte und W\u00e4re spielen in der Strafverfolgung keine Rolle. Wir fokussieren uns auf die Fakten.&#187; Sind eindeutig vorhandene DNA-Spuren keine Fakten?<\/p>\n<p>Ich erkl\u00e4re Herrn Schlatter, dass ich im Besitz des Berichts des Instituts f\u00fcr Rechtsmedizin bin und bitte ihn, mir abschliessend zu sagen, wieso diese Drittperson nicht zumindest als Spurengeber ausgeschlossen wurde. Auch hier erhalte ich eine \u00e4usserst verwirrende, kurze Email: \u201e &#8230; weil es die DNA von H\u00fcrlimann ist. Verstehen Sie, was eine DNA-Spur ist?&#187; Ich frage mich, ob Herr Schlatter versteht, was ein Mischprofil ist und was anteilgebend bedeutet. Zu wem die DNA-Spur geh\u00f6rt, scheint hier niemanden zu interessieren.<\/p>\n<h2>Jack Ryan &#8211; melde dich!<\/h2>\n<p>Dann meldet sich \u201eJack Ryan&#187;. In einer E-Mail wendet sich der Hacker an die Partei von Frau Spiess-Hegglin. Darin schreibt er, dass er das Handy eines Mannes aus SVP-Kreisen gehackt habe. Auf diesem Handy seien Fotos und Filmaufnahmen der fraglichen Ereignisse zu sehen. Spiess-Hegglins Anwalt reicht am 20. August einen neuen Beweisantrag ein und fordert, dass diesem Absender nachgegangen wird. Auch dieser Beweisantrag wird abgelehnt.<\/p>\n<h2>Blinde Passagiere oder blinde Fahrer?<\/h2>\n<p>Eine weitere wichtige Spur bleibt ergebnislos. Da Jolanda Spiess-Hegglin nicht weiss, wie sie nach Hause gekommen ist, glauben die Ermittler Herrn H\u00fcrlimanns Aussage, sie im Taxi heimbegleitet zu haben. Wer in einem Taxi f\u00e4hrt, hat Kontakt zu einem Fahrer. Dieser Fahrer k\u00f6nnte wichtige Hinweise dar\u00fcber liefern, in welchem Zustand sich Spiess-Hegglin befunden hat. Ihr Mann sagt aus, ihr Make-up sei verschmiert gewesen, als sie nach Hause kam. Sie habe ausgesehen, als ob sie geweint h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Ein Polizist lieferte daraufhin einen Hinweis, dass sich seine Nachbarin in der Taxi-Szene auskenne und man wisse, wer diese Fahrt gemacht haben soll. Nennen wir ihn Slati. Slati ist Serbe und sagt bei der polizeilichen Einvernahme, die erst einen Monat nach der Landammanfeier erfolgt, aus, noch nie etwas vom Fall Spiess-Hegglin geh\u00f6rt zu haben. Er konsumiere nur serbische Medien. Er wisse auch nicht, ob er diese Fahrt gemacht habe.<\/p>\n<p>Der zust\u00e4ndige Sachbearbeiter des Polizeiamts &#8211; ebenfalls ein SVP-Kantonsrat &#8211; l\u00e4sst Slatis Fahrtenschreiber nicht auswerten, mit der Begr\u00fcndung, dass Slati diesen wohl ohnehin manipuliert habe. Wieso weiss die Taxi-Szene, dass Slati diese Fahrt gemacht haben soll, nicht aber Slati? W\u00fcrde die Auswertung des Fahrtenschreibers zeigen, dass Slati diese fragliche Fahrt nicht gemacht haben kann? Und wem ist es zutr\u00e4glich, dass Slati nichts geh\u00f6rt oder gesehen hat?<\/p>\n<p>Wir fassen zusammen: Worte von Zeugen entlasten Hauptverd\u00e4chtige genug, um die Wahrheit nicht zu \u00fcberpr\u00fcfen und keine DNA-Tests durchzuf\u00fchren. Anordnungen eines Mitarbeiters des Polizeiamts reichen aus, um wichtigen Zeugen f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung eines solchen Falles nicht weiter nachzugehen und Fahrtenschreiber eventuell manipulierte Fahrtenschreiber sein zu lassen.<\/p>\n<p>Worte einer Frau, die sagt, vergewaltigt worden zu sein, scheinen allerdings kaum Gewicht zu haben, solange die Frau nicht beweisen kann, den Geschlechtsverkehr &#8211; der durch DNA-Spuren bewiesen und im \u00e4rztlichen Bericht vermerkt ist &#8211; nicht gewollt zu haben. Diese Worte scheinen nicht auszureichen, um eine sofortige Hausdurchsuchung mit Beschlagnahmung der elektronischen Ger\u00e4te zu erreichen. Sie reichen aber aus, damit die Presse sich auf die Frau st\u00fcrzt und verk\u00fcrzte Headlines, die sich schlimmer als eine juristische Verurteilung auswirken, in die Tasten hackt.<\/p>\n<h2>Rote Flecken, arge Schmerzen<\/h2>\n<p>Spiess-Hegglin unternimmt einen letzten Versuch, auf ihr Leid und die Schwere dieser Geschehnisse und Verurteilungen aufmerksam zu machen. Sie gibt der \u00d6ffentlichkeit ein letztes St\u00fcck ihrer Privatsph\u00e4re &#8211; Diagnose: Geb\u00e4rmuttersenkung. Spiess-Hegglin hat seit der Geburt ihres dritten Kindes eine stark abgesenkte Geb\u00e4rmutter, die h\u00f6chst druckempfindlich ist. Mit ihrem Mann musste sie erst wieder Strategien entwickeln, um \u00fcberhaupt Sex zu haben. Viel Zeit und langsames Eindringen. Vertrauen.<\/p>\n<p>Als ihr Gyn\u00e4kologe Spiess-Hegglin eine Kupferspirale einsetzte, erbrach sich die Gr\u00fcnen-Politikerin noch in der Arztpraxis aufgrund ihrer Schmerzen. In der Captains Lounge im Restaurant Schiff hatten Barangestellte an drei verschiedenen Stellen im Raum rote Flecken entdeckt. Erbrochener Randensalat.<\/p>\n<p>Ein kleines Detail hat die Presse noch nicht herausgefunden, sonst w\u00e4re garantiert bereits eine entsprechende Headline in Schriftgr\u00f6sse 48 gedruckt worden. Bei Jolanda Spiess-Hegglin wurde auch Anal-Sex vollzogen, so ist es im Spitalbericht vermerkt. Eine abgesenkte Geb\u00e4rmutter kann bei vaginalem Geschlechtsverkehr n\u00e4mlich st\u00f6ren. Spiess-Hegglin mag keinen Anal-Sex. Auch nicht mit ihrem Mann. Aber wie kann sie das beweisen, ausser durch Worte?<\/p>\n<h2>Und was ist mit \u201ein dubio pro duriore&#187;?<\/h2>\n<p>Schlussendlich beschliesst die Staatsanwaltschaft, die Untersuchungen einzustellen. Dieser Entschluss ist aber fragw\u00fcrdig. Bei der Frage, ob ein Verfahren einzustellen oder Anklage zu erheben ist, gilt der Grundsatz \u201ein dubio pro duriore&#187;. Er verlangt, dass das Verfahren im Zweifel seinen Fortgang nimmt. Anklage muss erhoben werden, wenn eine Verurteilung wahrscheinlicher ist als ein Freispruch.<\/p>\n<p>Gleich verh\u00e4lt es sich in der Regel, wenn sich die Wahrscheinlichkeiten die Waage halten. Bei zweifelhafter Beweislage hat nicht die Staatsanwaltschaft \u00fcber die Stichhaltigkeit des strafrechtlichen Vorwurfs zu entscheiden, sondern das zust\u00e4ndige Gericht. Auf Anfrage bei der Staatsanwaltschaft teilt mir ihr Mediensprecher Marcel Schlatter die offizielle Begr\u00fcndung mit: \u201eIn der Strafuntersuchung liessen sich keine Hinweise finden, wonach die Lokalpolitikerin zu irgendeinem Zeitpunkt w\u00e4hrend der Landammannfeier vom 20. Dezember 2014 wegen GHB oder anderer Substanzen widerstandsunf\u00e4hig war.&#187;<\/p>\n<h2>Nicht erwiesene Widerstandsunf\u00e4higkeit &#8211; kein Missbrauch?<\/h2>\n<p>In der Medienmitteilung titelt die Strafuntersuchungsbeh\u00f6rde: \u201eKeine Sch\u00e4ndung &#8211; Strafuntersuchung eingestellt.&#187; Die Untersuchungen wurden eingestellt, weil keine Widerstandsunf\u00e4higkeit bewiesen werden konnte. Der Tatbestand einer Sch\u00e4ndung ist damit schlicht nicht beweisbar. Doch: Ist es nicht eine Vergewaltigung, wenn eine Frau sagt, sie habe den Geschlechtsverkehr nicht gewollt? Die Staatsanwaltschaft ermittelte im Fall Spiess-Hegglin nicht wegen Vergewaltigung, weil sich Spiess-Hegglin an nichts erinnert. Um wegen einer Vergewaltigung zu ermitteln, muss es einen Menschen geben, der sagt, vergewaltigt worden zu sein oder eine Vergewaltigung gesehen zu haben. Doch weder Jolanda Spiess-Hegglin, noch ein Zeuge, hat den Akt als solchen gesehen. Und wie weit soll man einem Flashback glauben?<\/p>\n<p>Die Staatsanw\u00e4ltin h\u00e4tte allerdings im vorliegenden Fall einen solchen Sachverhalt formulieren d\u00fcrfen. Denn es kann nicht sein, dass die Staatsanwaltschaft auf eine entsprechende Behauptung des Opfers wartet, wenn sich dieses nicht mehr erinnert und mit dieser Behauptung eine Ehrverletzungsklage durch Herrn H\u00fcrlimann am Hals h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Nehmen wir an, Frau Spiess-Hegglin hat tats\u00e4chlich einen Filmriss aufgrund irgendwelcher Substanzen oder einer <a href=\"http:\/\/www.spektrum.de\/lexikon\/neurowissenschaft\/posttraumatische-amnesie\/10147\" target=\"_blank\">posttraumatischen Amnesie<\/a>: Weil sie sich nicht an die Vergewaltigung erinnert, kann sie diese nicht anzeigen. Sie kann nur die Sch\u00e4ndung geltend machen. Die Sch\u00e4ndung aber verlangt, dass sie widerstandsunf\u00e4hig gewesen war. Und das kann sie nicht mehr beweisen.<\/p>\n<h2>Dies kann so nur einer Frau passieren<\/h2>\n<p>Das zweifelhafte Vorgehen des Spitals, die Kommunikation der Staatsanwaltschaft mit den Medien und die Berichtserstattung der Medien selbst haben es Spiess-Hegglin verunm\u00f6glicht, wichtigen Fragen zu einem offensichtlichen Eingriff in ihre intime Integrit\u00e4t in W\u00fcrde nachzugehen. Stattdessen wurde sie mit ihrem Anliegen einem h\u00f6hnischen Publikum vorgef\u00fchrt, wegen unterstellten L\u00fcgen an den Pranger gestellt und hat zur Belustigung der Pendler beim morgendlichen Zeitungslesen beigetragen. Dies kann so nur einer Frau passieren. Und wenn schon \u00fcber sonst nichts, sollten wir uns alleine dar\u00fcber schon dringend Gedanken machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkung von Stefan Th\u00f6ni: Dieser Artikel wurde von Vice geschrieben und initial publiziert. 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